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Velotour Domodossola – Finale Ligure

Ein alter Traum, mal mit dem Velo von der Schweizer Grenze über den Fuss der Alpen – Piemont – ans Mittelmeer zu reisen. Wir, Doris Fischer und Heinz Weber, machen ihn wahr, indem wir einfach losfahren. Ohne Reservationen, mit nur grobem Fahr- und Routenplan für die Osterwoche.

 

1. Tag, Samstag, 3. April 2004

Basel SBB ab 8.48 h
Mit dem Zug nach Domodossola, an 12.08. Nach der Ankunft leichter Regen. Er vertröpfelt, während wir im gemütlichen Lokal vis à vis vom Bahnhof den ersten italienischen Espresso geniessen. Das fängt gut an. Im Niesel nettes Einrollen bis Gravellona; richtiger Regen kommt nun zum Glück ein paar Tage lang nicht mehr. Bei uns zu Hause herrschte Spätwinter; hier leuchten in den Gärten am Strassenrand die Kamelien. Von 211 Metern über Meer geht es dann auf deren 942, vom Lago d’Orta auf den Passo della Colma. Heftiger Anstieg (wir sind das in diesem Frühjahr noch nicht gewohnt), immer wieder zauberhafte Ausblicke auf den Ortasee. Rassige Abfahrt in das alpine Städtchen Varallo. Das Verkehrsbüro hat zum Glück um 18 Uhr noch auf und weist uns in die gemütliche Jugendstilpension „Monte Rosa“. Zimmer mit Blick auf denselben, wenn die Sicht klar wäre. Überm Bett Jesus mit Wundmalen. Wir fahren ins Städtchen und speisen vorzüglich im Freien mit Blick auf den Fluss Sésia nach 69 km.

2. Tag, Sonntag, 4. April 2004

Varallo ab 10.00 h
Wie schon gestern etwa 20 km Einrollen sanft bergab bei leider viel Verkehr bis Borgo Sesia (311 m), dann über stille Strässchen – es stören nur gelegentliche Motorradhorden – bis Trivero (725 m). Schöne Ausblicke in die Alpen, aber der Hintern schmerzt. Feine Abfahrt bis etwa 10 Kilometer vor Biella. Leider haben wir die Strasse, die direkt in die Stadt führt, verpasst. Italiens wüste Stadt-Einfahrten! Biella hat zwei Teile. Im untern ist ausser vielen Autos nix los, jedenfalls am Sonntag. Die Oberstadt – wir schieben die Velos über steiles Gepfläster hoch – hat kaum Verkehr, ist ruhevoll und schön. Wir lassen uns an einem von Arkaden umgebenen Platz in einem Strassencafé nieder, schlagen den Reiseführer auf, und präzis unsere momentane Aussicht ist darin abgebildet. Die Luft ist noch kühl, vor allem im Schatten, aber der Espresso ist himmlisch.

Ein milder Pass mit mehreren Buckeln führt Richtung Ivrea, eine richtige Berg- und Talbahn. Weil wir noch nicht müde sind, lassen wir Ivrea rechts liegen und radeln Richtung Po. Schöne Dörfchen; wir schlecken Glacé vor einer Kirche. Doch dann verfahren wir uns, und plötzlich ist die Müdigkeit da, bald auch die Dämmerung und ein scheusslicher Verkehr. Mit Glück und tapferem Rumfragen von D. erwischen wir ein Zimmer im Hotel „Nordamericana“ in Cigliano. Das stillose Äussere lässt nichts Gutes ahnen, doch drinnen sitzen der Herr Pfarrer und die Carabinieri beim Essen. Das kann kein schlechtes Zeichen sein und ist es auch nicht. Vor allem das Trüffelrisotto schmeckt. Das Zimmer geht zum Glück nicht auf die Strasse hinaus. Wir schlafen ruhig nach 117 km.

3. Tag, Montag, 5. April 2004

Cigliano ab 10.00 h
Die Gegend des Po hatten wir uns als weite Ebene vorgestellt, dachten an einen Rollertag. Doch dem ist nicht so. Kaum haben wir den Fluss – der durch Reisfelder und Sumpfwälder breit und träg ostwärts wandert – überquert, geht’s in die Höhe. Hügel folgt auf Hügel, auf fast jedem ein Dorf oder Städtchen. Bildschön, durchaus konkurrenzfähig mit der Toscana. Auf ruhigen Landstrassen, quasi durch die Hintertür, erreichen wir Asti. Nette Altstadt, aber nichts fürs Album. Wir wollen weiter nach Aqui. Das geht leider nur über Hauptstrassen im grässlichsten Feierabendverkehr. Mit der Zeit werden wir nicht nur müde, sondern kriegen regelrecht Angst vor den dicken Brummern. Wir versuchen, auf kleine Nebenstrassen zu fliehen, und verfahren uns. Es folgen zwei extrem steile Pass-Strässchen. „Aqui?“ „Sempre dritto“, erklärt uns kurzerhand eine Einheimische und schaut uns ziemlich verwundert an. Die Schatten werden lang, die Luft wird kühl. Keine Herberge in Sicht, nicht mal eine offene Cafébar. Hs Vorderlicht hat den Geist aufgegeben und auch er ist fast so weit, während D die motivierende Kämpferin hervorkehrt. Über den fernen Alpen geht glutrot die Sonne unter. H denkt an Untergang. Wir stürzen in der Finsternis auf halsbrecherischen Wegen zu Tal und finden endlich, 10 Kilometer vor Aqui, ein Bed & Breakfast. Znacht gibt’s nix mehr, und in den nächtlichen Hunger hinein quasselt nebenan ein Ehepaar lautstark und ohne Ende. Eben noch glücklich, mit heiler Haut ein Dach überm Kopf gefunden zu haben, können wir uns jetzt schon wieder ganz schön ärgern. Am andern Morgen erwarten wir rein gar nichts mehr von diesem Ort und wollen schon die schnelle Fliege machen. Da gibt es ein ganz unitalienisch üppiges Frühstück; später Lohn für 108 km.

4. Tag, Dienstag, 6. April 2004

Montabone ab 10.30 h
Ab nach Aqui. Auch hier eine schlimme Stadteinfahrt. Dann eine ausgedehnte Stadtbesichtigung durchs alte Zentrum mit schönen Häusern und feinen Läden. In der Mitte ein Thermalbrunnen, das Wasser soll 75 Grad heiss und heilend aus dem Boden kommen. Die Leute trinken es (etwas abgekühlt) fleissig. In der ruhigen Mittagszeit, 12-14 Uhr, fahren wir bis vor Cortemiglia. Ständiges Auf und Ab; wir spüren den Vortag in den Knochen. Doch dann essen wir am Strassenrand hiesige Salamiwurst mit frischem Brot und Tomaten und fahren anschliessend mühelos über zwei langgezogene Pässe bis nach Alba. Wie durch ein Wunder sind Müdigkeit und Schmerzen von uns abgefallen. Grandiose Landschaft mit Alpenkulisse. Eingangs Alba zeigt ein Wegweiser auf ein im Reiseführer angegebenes Hotel. Nix wie abgebogen. An der Rezeption fragt uns die Empfangsdame erst mal, was wir trinken möchten. So lassen wir es uns gefallen. Hotel „Langhe“, wärmstens zu empfehlen. Schöne, ruhige Zimmer und im Foyer aus Riesenboxen aber dezent genug erstklassiger Jazz & Rock. Wir beschliessen, hier zwei Nächte zu bleiben. Abends erster Stadtspaziergang. Alba hat Charme, die Altstadt ist klein aber voll sehenswerter Geschäfte, Konditoreien und Restaurants. Viel Jugendstil. Wir essen in einem vom Reiseführer empfohlenen Speiselokal und prompt sitzt da schon eine Gruppe von Schweizern; wir geben uns nicht zu erkennen. Raffinierte Vorspeisen (aber was war’s schon wieder?), prima Wein. Weil man im Hotel mit den Fensterläden ganz dunkel machen kann, schlafen wir von 23-10 Uhr. Hatten gestern wohl einen Sonnenstich nach 70 km.

5. Tag, Mittwoch, 7. April 2004

Ruhetag in Alba. Shopping & Bar-Hopping. Barbera, Barbaresco, Barolo & exzellente Dolci. Abends Pizza in einer prallvollen Quartierbeiz mit grossem Holzofen. H hatte so eine Idealvorstellung wie Pizza schmecken sollte und glaubte, hier müsste sie Realität werden. Wurde es leider nur annähernd. 0 km.

6. Tag, Donnerstag, 8. April 2004

Alba ab 9.30 h
Entspannt hügeln wir die Strada panoramica delle Langhe hinauf, von 170 auf rund 800 m. Zuerst Barolo-Gebiet, Reben, blühende Pfirsichhaine, Haselnussplantagen. Im Hintergrund immer die Alpen. Auf der Höhe pfeift plötzlich ein starker, kalter Wind, der uns in Pullover und Jacke zwingt. In Basel hatte uns Galerist Gregor die Visitenkarte des Bildhauers Daniele Aletti zugesteckt, dessen organische Marmorformen wir schon öfters bewundert hatten. Wir wussten damals noch nicht, dass unser Weg uns praktisch vor seiner Haustüre in Sale San Giovanni vorbei führen würde. Daniel und seine Frau Daniela, die ebenfalls Steine behaut, empfangen uns freundlich, und wir sind erstmal froh um den heissen Rooibush-Tee. Die beiden zeigen uns ihr Atelier und sind rührend bemüht, uns auf der Landkarte den besten Weg für die Weiterreise zu weisen. Sie melden uns schon mal an im Hotel „Posta“ in Osiglia. Nach einer guten Stunde brechen wir dankbar auf. Der gewiesene Weg ist schon gut, aber er führt ziemlich weit über anstrengende Waldwege; zum Glück ist der vorhergesagte Regen noch nicht da. Steil ins Tal hinab und dann wieder aufwärts zum Lago d’Osiglia. Im Hotel sitzen wir dann ganz allein in einem Saal, der für mindestens 100 Leute gedeckt ist zum morgigen Feiertagsmenü. Am liebsten würden wir jetzt einfach einen Teller Spaghetti mit Salat essen, aber an den Regeln der italienischen Küche kommen wir auch heute nicht vorbei: Antipasti, primo piatto, secondo piatto, dolce, cafè (grappa). Müde und übersatt kriechen wir unter die Decke nach 83 km.

7. Tag, Freitag, 9. April 2004

Osiglia ab 10.00 h
Jetzt ist der Regen da; Bindfäden. Und wir müssen hoch auf 1200 Meter, über den Passo di Melogno. Mit guten Kleidern ausgerüstet, haben wir einen überraschend angenehmen Start. Auch als der Regen in Schnee übergeht, finden wir es zunächst mal vor allem kurios. Das ändert sich, als die Abfahrt Richtung Meer beginnt. Es ist sausteil und bitterkalt. Unter den bald durchnässten Handschuhen werden die Finger klamm, können kaum mehr die Bremsen greifen. Und im dicken Regen nässt die Brille zu, es ist fast nichts zu sehen. Dankbar, heil unten angelangt zu sein, biegen wir ein nach Finalborgo und kehren bei heisser Schoggi und Panini ins Leben zurück. Am Ziel, in Finale Ligure, wollen wir nicht lange suchen, sondern möglichst rasch ein Hotelzimmer mit Dusche. So geraten wir in eine Absteige in Bahnhofnähe, die (leider erst auf den zweiten Blick) stark nach Touristennepp aussieht. Das Zimmer ist winzig und kalt. Aber die Dusche ist heiss und auf unsere Bitte hin wird später sogar die Heizung angeworfen. Hübsches Städtchen, chice Läden, feine Cafés. Abendessen grade mal Durchschnitt (die Pasta ist immer fein, Fisch und Fleisch sind eher Glücksache). Was wäre das für eine Abfahrt gewesen heute bei klarem Wetter! Wir müssen sie wiederholen. Eine Weltreise von 26 km.

8. Tag, Samstag, 10. April 2004

Finale Ligure ab 12.17 h
Sonne, allerdings bei kühler Luft. Cappuccino an der Strandpromenade und dazu eine dicke „Süddeutsche Zeitung“. Dann auf den direkten Zug nach Basel; er kommt an um 20.49 Uhr. Schön wars.

Heinz Weber

 

Nachtrag 2013:
Den direkten Zug von der Riviera nach Basel gibt es leider schon lange nicht mehr. Italienische Regionalexpress-Züge nehmen, nach unserer Erfahrung, Velos problemlos mit. Von Milano via Domodossola und Brig fahren.