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Von Scuol nach Venedig

Mai 2001

In fünf Tagen fuhren Toni und ich mit unseren Tourenrädern samt Gepäck 565 Kilometer der Etsch entlang durchs Südtirol, mit einem Abstecher an den Gardasee, über Verona nach Venedig. Es war ein ganz tolles Erlebnis, umrahmt mit vielen abwechslungsreichen Naturkulissen. Als wir unsere Velotour planten, wählten wir zwischen der Provence und Venedig. Doch die Lagunenstadt in Italien hat uns bei unserem letzten Besuch so bezaubert, dass unser Ziel rasch bestimmt war. Etwas harziger gestalteten sich die Vorbereitungsarbeiten.

Wir wussten, dass verschiedene Reiseveranstalter für Fahrten zwischen Innsbruck und Venedig den Gepäcktransport anboten. Nach dem wir feststellen mussten, dass dies nur für Gruppen gedacht war, die Tagesetappen von rund 50 km pro Tag fuhren, kauften wir uns wasserdichte Gepäcktaschen. Ein weiteres Fragezeichen betraf den Rücktransport der Fahrräder in die Schweiz, denn in Italien gibt es nur sehr wenige Züge, in welche diese unverpackt verladen werden dürfen. So kauften wir uns zur Sicherheit bei der SBB je einen „TranZbag“, um so die Velos als Handgepäck transportieren zu können. Entsprechend den Wetterprognosen sahen wir uns dann bei Ferienbeginn noch genötigt, neben der leichten, auch warme und wasserdichte Velobekleidung einzupacken.

Als Startort wählten wir Scuol. Es war ein glücklicher Entscheid. Denn gleich beim Anfahren merkte Toni, dass mit seiner Kette etwas nicht stimmte. Im Dorf fanden wir einen Velomechaniker, der Kette und Kettenkranz gleich ersetzte. Die Auffahrt von Martina nach Nauders brachte uns arg zum Schwitzen, obwohl neben der Strasse noch Schnee lag. Zu meiner Überraschung beeinflusste das Fahren mit den Gepäcktaschen unser Fahrverhalten kaum. Beim Überqueren des Reschenpasses fanden wir fünf „Goldstücke“ (Schillinge) auf der Strasse. Wir werteten dies als gutes Omen für unsere Reise. Wir suchten uns den Veloweg durchs Vinschgau, entlang dem Reschensee, durch malerische kleine Dörfer und enge Talabschnitte, vorbei an Burgen und Schlössern. Ganz phantastisch waren die blühenden und duftenden Obstgärten, die uns stundenlang begleiteten. Das Radtourenbuch „Etsch-Radweg“ von „bikeline“ war uns ein guter Wegweiser, obwohl wir zwischendurch die Hinweisschilder vermissten. In Tschars fanden wir im Gasthof „Winkler“ direkt am Radweg ein Zimmer und liessen uns zum Nachtessen mit österreichischen Spezialitäten verwöhnen.

Weiter durch blühende Obstgärten führte uns die Tour auch am zweiten Tag. Wir wunderten uns deshalb, wieso der Weg, auf dem wir fuhren, als Weinstrasse bezeichnet wurde. Immerhin entdeckten wir auf den steilen Abhängen des Tales einige Rebberge und auch die Hinweise auf Weinkeller häuften sich. Noch vor Meran ächzte Tonis Hinterrad immer heftiger. Durch die teilweise sehr holprigen Fahrradwege hatten sich unter der Gewichtsbelastung die Speichen gelockert. Es war Sonntag und alle Fahrradgeschäfte zu. Unterwegs kreuzten wir zum Glück ein Mountainbike-Rennen. Kostenlos zentrierte uns ein Servicemonteur von Shimano das Rad. Im Fahrplan eine Stunde im Rückstand, verzichteten wir auf eine Stadtbesichtigung von Meran. Im übrigen trafen wir überall sehr freundliche Leute an. So bot uns in Bozen ein einheimischer Velofahrer eine Stadtrundfahrt und erzählte uns dabei auch von den geschichtlichen Begebenheiten des Südtirols.

Im ersten Abschnitt unseres Weges durchquerte die Fahrroute Dörfer, Felder und Auen. Ab Bozen führte ein ganz neu gebauter Weg auf dem Damm entlang der Etsch bis Rovereto das Tal hinunter. Die Fahrt war zwar ausgeglichener, aber eher ein bisschen langweilig. Die Flusslandschaft, immer noch umrahmt von Obst- und Rebplantagen, war ansprechend. Doch alle kleinen Ortschaften sahen wir nur von weitem. Wir zogen es auch diese Nacht wieder vor, in dem kleinen Gasthaus „Teutschhaus“ in Cortina, etwas nördlich von Trient, zu logieren.

Am nächsten, dem dritten Tag lachte uns, trotz allen Unkenrufen, die Sonne entgegen. Doch kaum waren wir einige hundert Meter vom Hotel entfernt, merkte ich, dass ich meine Handtasche vor dem Hause vergessen habe. Als ich gehetzt vor dem Hotel vorfuhr, lachten mir aus einem Auto zwei Frauen entgegen. Sie wollten uns mit der Tasche nachfahren. Als uns etwas später, knapp vor Trient, die ersten Regentropfen aufschreckten, traten wir kräftiger in die Pedale und schauten den Regenwolken zu entwischen. In Rovereto verliessen wir das Etschtal. Von Mori aus führte ein separater Radweg - anfangs sanft und am Schluss noch ganz giftig, vorbei an zauberhaften „Urgewässern“ über den Passo San Giovanni an den Gardasee. Entlang des Sees gab es keinen Fahrradweg mehr. Da es aber so viele Radfahrer auf der Strasse hatte, passten sich die meisten Autofahrer der Situation an. In Castelletto, nach etwas über 100 Kilometern, waren wir froh, dass uns am Wegrand das schmucke kleine Hotel „Veronesi“ zum Rasten einlud. In der Nacht gab es ein heftiges Gewitter und es wurde recht kühl. Doch bereits am anderen Morgen, dem vierten Tag, lachte die Sonne wieder.

Vorerst fuhren wir weiter dem See entlang über Garda, Bardolino bis nach Lazise. Dort überquerten wir erneut einen kleinen Hügel, um dann wieder entlang der Etsch Verona zu erreichen. Die Einfahrt auf den grossen Platz zum Amphitheater vermittelte uns ein tolles Gefühl und wir kosteten die südliche Atmosphäre der historischen Stadt. In der Innerstadt mussten wir leider die Erfahrung machen, dass selbst Velofahrer, die ihr Rad stossen, nicht geduldet werden. Aber was soll’s, als die Polizei weg war, suchten wir trotz allem mit den Rädern den Balkon der Julia. Nach einem Abschnitt auf der Hauptstrasse mit „mörderischem“ Verkehr, suchten wir in der Folge wieder ruhigere Strassen durch die Dörfer der weiten Ebene. Doch hier war kein Gasthaus anzutreffen. Ein einziges fanden wir in Lonigo, hoch oben auf dem Hügel. Schwitzend und schnaufend erkundigten wir uns im Albergo „Alle Acque“ nach einem freien Bett. Die Stadt Vicenza liessen wir am Morgen des fünften Tages aus. Wir machten dafür eine Kurve durch Abano und beim Antonius in Padua liess ich meine fünf „Glücksbatzen“ in den Opferstock gleiten.

Da wir nach unserer Planung einen Tag zu früh in der Gegend waren - die Hotelbetten in Venedig waren erst auf den Donnerstag reserviert - beschlossen wir eine kleine Zusatzschlaufe über Chioggia und die südlichen Lagunen-Inseln. Es war zwar nicht so einfach, dem Autoverkehr auszuweichen, doch fanden wir - neben Strassen mit weniger Verkehr - immer wieder ausgeschilderte Velowege.

Der Gesang von Nachtigallen begleitete uns. Das letzte Stück bis zum Meer war dann jedoch noch sehr mühsam, denn die Nebenstrasse wurde von zahlreichen eiligen Autofahrern als Ausweichroute benutzt. Nach 130 km waren wir dann am Schluss auch recht müde. Direkt am Meer fanden wir in Sottomarina das Hotel „Real“, das schon geöffnet hatte. Was wir jedoch nicht wussten, war, dass im Hotel eine Schulklasse einquartiert war, die bis morgens um drei Uhr für Betrieb sorgte. Es war aber ein einzigartiges Gefühl, nach einem warmen Tag fast alleine in einem Restaurant am Meer sitzen zu können und die Pasta und Köstlichkeiten des Meeres zu geniessen.

In Chioggia bestiegen wir am andern Morgen die Fähre nach Pellestrina. Im dichten Gedränge der Passagiere - Frauen, die auf dem Markt für die nächste Woche eingekauft haben - fanden wir kaum einen Platz für unsere Velos. Pellestrina ist eine ganz schmale, lange Laguneninsel. Auf der einzigen Hauptstrasse (mit vielen Autos) fuhren wir durch die kleinen Ortschaften bis zum anderen Ende. Von dort glitten wir auf der Autofähre aufs „Lido“. Auf dieser etwas breiteren Laguneninsel mussten wir zum ersten Mal unsere Regenjacken anziehen. Neben dem breiten Sandstrand stehen zahlreiche grosse Villen und teure Hotels. Immer Ende August findet dort auch die Film-Biennale statt.

Die Besitzerin des Hotels „Agli Alboretti“ in Venedig hatte uns angeboten, dass wir unsere Velos direkt beim Hotel einstellen können. Der Transport der Velos auf dem Schiff für die Überfahrt nach Venedig, bereitete uns aber einige Probleme. Als wir dann endlich auf einem Motorboot standen, merkten wir erst nach der Abfahrt, dass wir in die falsche Richtung fuhren. So kreuzten wir halt fast zwei Stunden auf dem Meer hin und her und froren dabei. Dafür empfing uns wieder warmer Sonnenschein, als wir am Markusplatz anlegten. Ehrlich - wer von Euch ist schon einmal mit dem Fahrrad über diesen Platz gefahren? Für ein Erinnerungsfoto stiegen wir auf die Räder. Wir haben unser Ziel erreicht! Die Spannung fiel von uns ab und für zwei Tage genossen wir die Schönheiten der Lagunenstadt.

Spannend wurde es dann noch einmal am Tage der Abreise. Über sieben Brücken mussten wir unsere beladenen Velos schieben, um den Bahnhof zu erreichen. Zwar haben wir vorher einmal versucht, in irgend einem Zug einen Platz zu reservieren, wo wir die Velos hätten aufhängen können. Dies ist uns aber nicht gelungen. So nahmen wir auf dem Bahnsteig unsere Velos auseinander und verpackten sie im TranZbag. Ohne Probleme wurden die beiden voluminösen Gepäcktaschen im Eingangsbereich vom Zugpersonal akzeptiert. In Arth-Goldau verpassten wir leider den direkten Anschluss an den Zug nach Basel. So blieb uns nichts anderes übrig, als neben den Taschen mit den Kleidern auch noch die Tasche mit dem Velo über den Bahnsteig zu schleppen.

Die Reise nach Venedig war abenteuerlich, reizvoll und spannend. Sobald als möglich werden Toni und ich wieder eine entsprechende Velotour unternehmen.

Erika Thüring