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Der Gedanke an strahlend blauen Himmel,
duftende Lavendelfelder, grüne Olivenhaine, rote Felsen, azurblaues
Meer, weisse Pferde sowie an die Entdeckung jahrhundertealter
Kulturen und die provenzalischen Gaumengenüsse prägt unsere
Vorfreude auf unsere zur Tradition gewordenen Fahrradferien. In der
Provence haben Peter und Elke wiederholt ihre Ferien verbracht.
Angetan von der Poesie der Landschaft und vom südlichen Lebensgefühl
haben sie für uns mitten im Herzen des Rhonedeltas ein Hotel gesucht
und mit minutiöser Genauigkeit Vorschläge für unsere Radtouren
vorbereitet. Zur gemeinsamen Abfahrt
treffen wir uns um neun Uhr bei Peter und Elke. Erich und Toni haben
ihre Autos als Reisefahrzeuge zur Verfügung gestellt, denn sie haben
den grössten Kofferraum. Über Müllheim, Belfort, Dijon und Lyon
fahren wir rund 700 Kilometer in den Süden. Auf der neuen Autobahn
hat es wenig Verkehr. Trübes Wetter und einige Regentropfen
begleiten uns bis zum Mittagshalt bei den „Bresshühnern“ in
Bourg-en-Bresse. Langsam drückt die Sonne durch die Wolkendecke. Die
gelb leuchtenden Rapsfelder des Nordens werden im Rhonetal von
Obstanlagen und Weinbergen abgelöst. Am Horizont begleiten uns
massive Bergketten. Während sich das Quecksilber in Basel um 12 Grad
bewegte, klettert es bei Valence schon auf 22 Grad. In Montélimar
gibt es eine Kaffeepause. Die Rhone wird breiter. Die flache
Landschaft wird von Sümpfen, Weihern und Flussarmen durchzogen.
Schilf und Weiden säumen ihre Ufer. Um 16 Uhr sind wir in Orange und
unserem Reiseziel schon ganz nahe. Die Rebstöcke am Wegrand sind
niedrig, knorrig und nur etwa 50 Zentimeter hoch. Sie stehen
alleine, ohne Draht. Auffallend ist ihr Zapfenschnitt.
Mitten in einer grünen Landschaft mit
Olivengärten treffen wir in Graveson auf unser „Hôtel du Moulin
d’Aure“ (**). Das Wasser im Schwimmbad ist warm und lädt zum Bade.
Wir sind alle überrascht von diesem schönen Ort. Im Restaurant des
Hauses lassen wir uns vom angebotenen Menü überraschen: Zur
Vorspeise gibt’s eine Terrine mit süssen Zwiebeln. Als Nächstes
werden Makkaroni und Kartoffeln an einer Pestosauce serviert. Ein
Suppenlöffel erhöht die Spannung auf den folgenden Gang: Suppe oder
Dessert? Mit einem Stückchen Rhabarberkuchen wird unsere Mahlzeit
abgeschlossen. Die Männer haben noch Hunger und bestellen
italienischen Aufschnitt. Der Wirt hat Erbarmen und tischt für die
knurrenden Mägen noch Risotto auf.
Sinnes-Lust (64
km)
Unsere Zimmer sind klein, aber ganz reizend
im provenzalischen Stil eingerichtet. Ein bisschen wenig Platz haben
wir in den kleinen Kästen, ebenso im „Grandlit“, das uns beim
Schlafen enger zusammenrücken lässt. Am Morgen begrüssen uns die
Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Fensterläden. Vorbildlich
„behelmt“ starten wir um halb zehn zu unserer ersten Ausfahrt. Der
Routenplan von Peter wird ein wenig abgeändert. Wir sind ja alle
flexibel! Unsere Tour führt uns heute über Tarascon nach Arles,
vorbei am Kloster Montmajour und der Kappelle St. Gabriel und zurück
über Maillane nach Graveson. Es ist ein sonniger Morgen. Am
Strassenrand blüht roter Mohn. Der Raps auf den Feldern ist schon
verblüht. Die Landschaft und die Häuser erinnern an die Toskana.
Genau wie diese ist auch die Provence vom Mittelmeerklima geprägt.
Und das fruchtbare Rhonedelta, umrahmt von einer niedrigen
Gebirgskette, ist ein geeigneter Nährboden für üppigen
Pflanzenwuchs, im Speziellen für Obst- und Gemüseplantagen sowie den
Weinbau. Die Olivenhaine sind vermehrt an den Abhängen der
Bergketten zu finden. Überall begleitet uns das Wasser: in Kanälen,
in Sümpfen, in ausgebauten Bewässerungsanlagen auf den Feldern, mit
Auffang- und Ableitsystemen für den Reisanbau. Von der Schönheit der
Landschaft überzeugt sind wohl auch die zahlreichen Weekend- und
Ferienhausbesitzer.
Zwischen den alten Stadtmauern von Arles
haben wir schon zum ersten Mal Durst. Nach einer Fahrt rund um die
Arena verlassen wir die Stadt. Wir entdecken die Landschaft mit
allen Sinnen: Wir sehen die Farben der Blumen, riechen den Duft der
Natur, spüren das Stechen der Mücken, lauschen dem Zirpen der
Grillen und dem Quaken der Frösche. Während der Fahrt vorbei an
Weiden mit vielen Pferden fragt Rita nach dem Unterschied zwischen
Reiter und Radfahrer und kommt zum Schluss: „Beim Reiten ist das
Vieh unten und beim Radfahren oben!“ Im Schatten der Klosterruine
Montmajour machen wir Mittagsrast. Das Kloster, auf einer felsigen
Anhöhe, war ursprünglich von Sümpfen umgeben. Deshalb erstaunt es
uns nicht, dass sich die Stechmücken in Schwärmen auf uns stürzen,
um unser Blut zu saugen. So lange müssen wir auf unseren Salat und
die Teigwaren warten, dass uns später die Zeit fehlt, das Kloster,
die Höhlen, die beiden Kapellen und die Krypta zu besuchen. Zudem
bezweifelt Peter, dass wir in unserer Velobekleidung überhaupt
hineingelassen werden. Wir versuchen es nicht! So bleibt uns nichts
anderes übrig, als alles im Touristenführer nachzulesen. Unter den
Platanen auf dem Dorfplatz in Graveson schliessen wir bei einem
Apéro unsere erste Ausfahrt durch die herrliche Landschaft.
Nach einer kurzen Pause im Hotel fahren wir
mit den Autos zum Nachtessen nach Arles. Wir haben noch etwas Zeit,
um die Stimmung der antiken Kunstwerke zu erspüren. Wir schlendern
durch die engen Gassen über die Place de la République zum
Kirchenportal von St. Trophime. Auch die Arena betrachten wir nur
von aussen, denn die Öffnungszeiten sind längst vorbei. Im „Le
Criquet“ hinter der Arena werden wir für das Verpasste voll
entschädigt. In der gemütlichen Atmosphäre geniessen wir
Spezialitäten aus der Provence. Tonis Magen knurrt diesen Abend
nicht mehr.
Tret-Mühle (76
km)
Heute wollen wir die Sehenswürdigkeiten, an
denen wir am Vortag vorbeigefahren sind, auch anschauen: Daudets
Windmühle in Fontvieille, das Aquädukt von Barbegal, Maussane,
Eygalières und Saint-Rémy. Um 10 Uhr fahren wir los in Richtung des
hügeligen Berglandes Alpilles. Die Kalksteinkette liegt zwischen
Arles und Avignon und erreicht eine Höhe von 386 Metern. Auf einem
kahlen Hügel erblicken wir von weitem schon die Windmühle, die der
Schriftsteller Alphonse Daudet in seinen berühmten Briefen
beschrieb. Wir steigen hinauf und lassen uns von Daudets Esprit
umarmen. Das Aquädukt, das ein Stück weiter unseren Weg säumt,
verpassen wir. Eine Mauer versperrt uns die Sicht. Nur Toni erblickt
ein paar von den Mauerresten. Im malerischen Dorf Maussane sitzt
eine Gruppe von Leuten. Sie halten mit Farbe ihre Eindrücke auf dem
Papier fest. Unter den Platanen auf dem Dorfplatz geniessen wir
kühle Getränke und Sandwiches. Maussane liegt mitten im Anbaugebiet
der Oliven. Hier kennt man rund 32 verschiedene Olivensorten. Für
ein schmackhaftes Öl werden ausgewählte Sorten miteinander
vermischt. Hier decken wir uns später mit dem feinsten Olivenöl ein.
Der lichte Ölbaum mit seinen silbrig schimmernden Blättern ist das
Symbol des Friedens und der Fruchtbarkeit.
Nun heisst es kräftig in die Pedale treten.
Unser Weg führt uns einige Kilometer hinauf über die Alpilles. Beim
Aufstieg kommen wir ins Schwitzen und ins Schnaufen. Es geht auch
nicht ganz ohne „Rückenwind“! Die kurze Anstrengung lohnt sich. Wir
tauchen ein in eine wunderschöne Berglandschaft mit Pinienwäldern,
Olivenhainen und verbrannter Erde. Eygalières liegt terrassenförmig
an einem Hügel. Schmucke Häuser säumen den Weg zum Schloss. Über die
Via Aurelia erreichen wir Saint-Rémy. Diese historische Strasse
wurde von den Römern als Verbindungsweg zwischen Italien und Spanien
gebaut. Im übrigen wurde hier der Arzt und Astrologe Nostradamus
geboren, der mit seinen rätselhaften Zeitdeutungen immer wieder für
Diskussionsstoff sorgt. Zum Abschluss des sonnigen Tages genehmigen
wir uns im Schwimmbad des Hotels ein erfrischendes Bad. Für das
Nachtessen haben Rita und Hermann in Saint-Rémy im Restaurant „Source“
einen Tisch reserviert.
Burg-Geschichte
(36 km)
Heute planen wir mit dem Auto den Besuch von
Les Baux. Um unsere sportlichen Ambitionen nicht zu vernachlässigen,
fahren wir am Vormittag mit den Velos zur Abtei St. Michel de
Frigolet. Sie liegt etwas ausserhalb von Barbentane, eingebettet in
der hügeligen Landschaft der Montagnette. Die Abfahrt verzögert
sich. Toni muss sich zuerst ein Fahrrad ausleihen. Bereits am
Vorabend hat er entdeckt, dass am Hinterrad drei Speichen gebrochen
sind. Das kommt davon, wenn man in Arles die Treppen hinunterfährt.
Erich hat es auch getan, aber er wiegt keine hundert Kilo. Das
Leihrad ist für Toni viel zu klein und lässt sein Knie aufschwellen.
Er muss sich Mühe geben, dass er, wenn’s aufwärts geht, den
Anschluss an die Gipfelstürmer nicht verpasst. Aber mit Elke und
Rita strampelt er in guter Gesellschaft. Der Weg führt uns durch
Eichen- und Kiefernwälder. Barbentane ist ein interessantes Dorf.
Zeugen der Vergangenheit sind ein Schloss,
zwei Stadttore, der Arkadenbau des ehemaligen Rathauses mit
Renaissance-Eckturm und der Wehrturm. Die Häuser sind in, auf und
zwischen den wuchtigen Felsen gebaut. Der „Nachtwächter“
(abgestandenes Bier) in einer Bar am Strassenrand motiviert nicht
gerade zur Weiterfahrt. Doch bis zum Kloster und Wallfahrtsort St.
Michel de Frigolet ist es nicht mehr weit. Wir lassen die Velos auf
dem Parkplatz und spazieren durch die gepflegte Klosteranlage aus
dem 11. Jahrhundert mit zwei Kirchen, einem Kreuzgang, einer Kapelle
und einem Museum. Auf der Heimfahrt stärken wir uns wieder mit einem
Sandwich. Unterwegs lassen wir noch das Mysterium eines
provenzalischen Friedhofes auf uns einwirken.
Während der Siesta räkeln wir uns in der
Sonne beim Hotel in Graveson und kühlen uns ab bei einem Bad im
Pool. Gegen Abend fahren wir dann mit den Autos nach Les Baux. Das
befestigte Bergdorf liegt auf einer malerischen Felslandschaft. Der
weisse Kalkstein wurde berühmt durch das Bauxit, das bis vor kurzem
zur Herstellung von Aluminium verwendet wurde. Eine Reise durch die
jahrhundertealte Geschichte der Ritter und Troubadours erleben wir
auf dem Rundgang durch die Burganlage. Vom Felsvorsprung, der von
Steilhängen und Schluchten umgeben ist, geniessen wir einen
imposanten Rundblick. Die Ruinen des Schlosses und der Stadtmauern
sowie die wieder aufgebauten Häuser des Mittelalters und der
Renaissance machen Les Baux zu einem der meistbesuchten Orte der
Provence. Die Burg ist heute im Besitze der Grimaldi von Monaco. Wir
geben unserem Gastgeber eine zweite Chance und essen im Restaurant
unseres Hotels. Hier gibt es keine Speisekarte. Man isst, was
gekocht wird. In den nächsten Tagen versuchen wir es nicht mehr.
Natur-Vergnügen
(Autotag)
Und wieder lacht uns beim Erwachen die Sonne
ins Bett. Nach dem gemütlichen Frühstück holt Toni sein Velo in der
Werkstatt ab. Er hat Glück! Ein passender Zahnkranzschlüssel wurde
gefunden und so konnte auch ein neues Hinterrad montiert werden. Er
ist froh, den Rest der Radtouren wieder auf seinem eigenen Velo
fahren zu können. Doch heute lassen wir unsere Fahrräder im Schuppen
stehen und geniessen die Fahrt durch die Landschaft im weichen
Autositz. Wir haben drei Etappenziele: den Markt in Gordes, die
Isle-sur-la-Sorgue und die Fontaine de Vaucluse. Diese Orte liegen
viel zu weit auseinander, als dass wir sie auf unseren Trampeseln
alle erreicht hätten. Gordes wurde als eines der schönsten Dörfer
Frankreichs ausgezeichnet. Die schmalen hohen Häuser aus
Trockensteinen stehen auf einem Felsvorsprung. Nicht nur die Maler
lassen sich von der Schönheit des Dorfes inspirieren, auch wir sind
begeistert von seinem Anblick und geniessen den Spaziergang durch
die engen Gassen. Der Markt, von dem uns Elke im voraus geschwärmt
hatte, wurde zu unserem Bedauern bereits am Vortag abgehalten. Doch
beim Anblick der farbenprächtigen Provencestoffe vergessen wir
Frauen das Verpasste und bewundern, während die Männer beim kühlen
Bier sitzen, die Angebote in den kleinen Souvenirläden.
Gegen Mittag fahren wir weiter nach
L’Isle-sur-la-Sorgue. Der Kern des malerischen Städtchens ist von
den geteilten Flussarmen der Sorgue umschlungen. Das Wasser hat eine
auffallend starke Strömung. Im Flechtwerk der Kanäle drehen sich
noch die Schaufelräder. Das Angebot von Antiquitäten ist nicht
überblickbar. Im Schatten von Platanen geniessen wir diverse Salate:
Niçoise, Bergère, .... . Zur Fontaine de Vaucluse ist es nicht mehr
weit. In einem geschlossenen Tal entspringt die Sorgue. Im Städtchen
haben sich einst die Bischöfe von Cavaillon ein Schloss eingerichtet
und die Päpste haben sich das Wasser zunutze gemacht und eine
Kristallfabrik und eine Papiermühle betrieben. Es hat unheimlich
viele Leute. Auf beiden Seiten der Strasse bieten Händler Handwerk
und Stoffe aus der Provence an. Der Weg, am Rande des reissenden
Flusses, wird immer enger. Auffallend ist die üppige, sattgrüne
Vegetation. Ganz hinten im Tal erleben wir ein Schauspiel, das alle
unsere Erwartungen übertrifft. Unter einem mächtigen, kahlen Felsen
liegt ein stiller, zirka dreissig Meter breiter Tümpel. Nichts weist
auf die riesige Wassermenge hin, die hier aus einem unterirdischen
Tal an die Erdoberfläche tritt. Doch beim Auslauf des Beckens, da
sprudelt und schäumt das ablaufende Wasser über die Felsbrocken. Es
werden bis zu 150 Kubikmeter in der Sekunde gemessen. Nachdem wir
das imposante Naturereignis genügend ausgekostet haben, fahren wir
zur Siesta zurück ins Hotel. Es ist 27 Grad warm.
Den Abend haben wir uns für den Besuch von
Avignon reserviert. Aber wie es halt so ist, bleibt uns nach der
ausgedehnten Siesta wieder einmal nicht mehr viel Zeit dafür übrig.
Wir stellen unsere Autos ausserhalb der Stadt ab. Der Papstpalast
und die schönen Gärten sind schon geschlossen. Wir schlendern durch
die Innenstadt und suchen uns ein Restaurant. Zum Glück steht die
berühmt und viel besungene Brücke, die Saint-Bénezet-Brücke, noch.
Wir fotografieren sie und lassen uns anschliessend im Restaurant „La
Fourchette“ verwöhnen.
Rad-Schläge
(70 km)
Schon um 8.30 Uhr treffen wir uns heute zum
Frühstück. Wir fahren mit den Autos in die Camargue. Riesige
Rebberge, Kornfelder, Treibhäuser mit Tomaten und Blumen säumen die
Strasse. Hermann erklärt uns, dass die Syrah-Traube als „Mutter“
aller Trauben bezeichnet wird. Im Speziellen jedoch wird hier die
Cabernet-Sauvignon-Traube angebaut. Nach Arles verändert sich das
Landschaftsbild. Hier auf der breiten Ebene des Rhonedeltas prägt
bereits das charakteristische Bild der Camargue die Gegend.
Insgesamt umfasst sie 140 000 Hektaren Sumpf, Weideland, Dünen und
Salzseen. Leider sind die Felder oft ungepflegt und viele Häuser
sind am Verfallen. Hermann führt dies auf den Überfluss zurück, den
die fruchtbaren Felder den Menschen hier bescheren.
Anstatt der Pferde, wie vielfach üblich,
besteigen wir in Les Saintes-Maries-de-la-Mer die Sättel unserer
Drahtesel und machen uns auf die abenteuerliche Tour rund um das
Herz der einzigartigen Sumpflandschaft. Das Land – halb Wasser und
halb Sand – ist hier ständig in Bewegung: im Winter überfluten die
Wellen des Meeres die Wege und die Sanddünen. Dahinter liegt das
überschwemmte Land mit seinen unendlich vielen Teichen. Direkt neben
dem Dorf beginnt „La Grandeur Nature“.
Die einzigartige Landschaft ist geprägt von
einer intensiven Farbenvielfalt. Am Rande der Salzteiche posieren
die rosaroten Flamingos. Auf den grünen Sumpfweiden grasen schwarze
Stierherden und weisse Camarguepferde. Klar hebt sich das blaue Meer
von den bernsteinfarbigen Sanddünen ab. Am Strassenrand blühen
violette Disteln, gelbe Lilien und Ginster. Kleine Schiffe schaukeln
auf dem Meer. Schade, dass so viel weggeworfener Unrat umherliegt.
Etwas anstrengender als auf dem Pferdesattel erweist sich unsere
Fahrt über die Sanddünen. Auf dem Weg über den Sandstrand schwanken
unsere Fahrräder, sodass wir absteigen müssen. Unsere Schuhe füllen
sich mit Sand. Auch die Mücken sind uns nicht gut gesinnt. Sie
stechen uns in die Beine und in den Po. Hinter dem Leuchtturm wird
der Weg immer schlechter. Schwere Fahrzeuge haben tiefe Spuren
hinterlassen. Wenn wir ein Schlagloch oder eine Mulde umfahren, so
liegt bestimmt ein grosser Stein vor unserem Rad. Wir müssen uns so
konzentrieren und unsere Lenkstange so fest halten, dass wir keine
Zeit mehr haben, um die Landschaft anzuschauen. Es schmerzen uns die
Handgelenke, der Po und die Knie.
Endlich entdecken wir ein kleines
Wirtschaftsschild. Wir folgen diesem und finden einen idyllischen,
typisch provenzalischen kleinen Bauernhof, das „Mas du Berthold“. Im
Schatten der Bäume geniessen wir Käse und geräuchertes Fleisch. Der
Rosé de Provence schmeckt köstlich. Wir bleiben etwas zu lange
sitzen. Im Hinterland treffen wir noch auf eine Stierkampfarena. Um
unsere malträtierten Körper zu schonen, fahren wir auf einer
geteerten Strasse nach Les Saintes-Maries-de-la-Mer zurück. Gerne
hätte ich mir dort die sagenumwobene Zigeunerkirche angeschaut. Aber
die Zeit drängt, denn wir müssen mit unseren Autos nach Graveson
zurück. Im „Le Criquet“ in Arles treffen wir uns zum Nachtessen. Die
köstlich zubereiteten Speisen lassen uns die Strapazen des Tages
vergessen. In der Nähe des Hotels erwartet uns noch ein herrliches
Schauspiel. Wir entdecken unzählig viele Feldhasen, die unter den
Olivenbäumen Gras knabbern. Ihre Augen leuchten im
Scheinwerferlicht.
Augen-Schmaus
(70 km)
Den Pont du Gard wollen wir heute besuchen.
Es ist der bedeutendste römische Aquädukt. Er liegt westlich von
Avignon und wurde 19 v. Chr. gebaut. Das Meisterwerk ist 275 Meter
lang und 49 Meter hoch. Zwei imposante Jochreihen überspannen den
Gardon. Sie sind Teil des 50 km langen römischen Aquädukts, der das
Wasser der Eure-Quelle von Uzès bis Nîmes führte. Die bis zu 6
Tonnen schweren Steine sind ohne Mörtel aufeinander geschichtet. Die
Blöcke wurden mit hohlen Holztrommeln, welche von laufenden Sklaven
gedreht wurden, bewegt.
Heute ist der Himmel zum ersten Mal mit
schweren Wolken behangen. Ein paar Regentropfen wollen uns beim
Start einschüchtern. Dennoch schwingen wir uns auf unsere Räder. Der
Weg führt uns über einen kleinen Hügel. Dieser „hängt etwas an“ und
erfordert bei Rita und Elke etwas Rückenwind. Unsere Handgelenke
sind noch empfindlich und Hermann schmerzt das Steissbein von der
Sattelmassage vom Vortag. Wir überqueren zum ersten Mal die Rhone
und fahren durch Aramon.
Dies ist ein kleiner netter Ort mit
Stadtmauern und einer Festung auf einem hohen Felsen, gleich einer
Klus. Nach Remoulins stellen wir unsere Fahrräder auf einem
Parkplatz ab und gehen zu Fuss weiter zum Pont du Gard. Wir steigen
zum eindrucksvollen Bauwerk hinauf. Leider ist der Zugang wegen
Bauarbeiten gesperrt. So nehmen wir uns noch die Zeit, um zum Fluss
hinabzusteigen. Zur Mittagsrast kehren wir nach Remoulins zurück.
Der wohlklingende Name des Ortes erinnert uns an gutes Essen. Doch
die Brasserie, die wir uns ausgesucht haben, wird dem Ortsnamen
nicht gerecht. Das Bier ist zu dick und der Salat auch nicht gut.
Zudem donnern vor unseren Tischen schwere Lastwagen und Autos vorbei
und verpesten die Luft mit Abgasen. Ein kühler Wind und
Gewitterwolken lassen uns auf der Heimfahrt rassig in die Pedale
treten. Zu unserem letzten Apéro wählen wir den Dorfplatz in
Graveson. Hier werden gerade Stände für den Wochenmarkt aufgebaut.
Der Anblick von wunderschönem Gemüse, von Fischen, Käse, Olivenöl
und Broten weckt in uns bereits wieder den Appetit auf das
Nachtessen. Nach einer ausgedehnten Ruhepause fahren wir zum
Abschluss unserer Provencetour noch einmal nach Saint-Rémy in das
Restaurant „La Source“. Es wird vorzüglich gekocht und sehr
attraktiv serviert.
Sonnen-Glück
(Heimfahrt)
Unsere Fahrradferien sind
zu Ende. Die Koffer sind gepackt und in die Autos verfrachtet. Die
Fahrräder auf den Dachträgern werden noch einmal kontrolliert. Für
meinen Reisebericht schleppe ich alle Prospekte mit nach Hause, die
ich erhaschen konnte. Auf der Heimfahrt durchs Rhonetal schweifen
unsere Gedanken noch einmal zurück in die vergangene Woche. Es waren
schöne und vielseitige Tage, die wir zusammen erleben durften. Glück
hatten wir auch mit dem Wetter. Die Sonne lachte bis zum letzten Tag
am blauen Provence-Himmel. Die Streifzüge durch die Zeit der Römer,
Ritter und Päpste mit ihren imposanten Baudenkmälern, die
Gaumenfreuden, die unbeschreiblich eindrucksvolle und
abwechslungsreiche Landschaft der Provence mit ihren Olivenhainen,
Weinbergen, Eichenwäldern, Obst- und Gemüseplantagen, den Farben und
den Düften, die „Qualen“ auf dem Fahrradsattel und auch das sehr
ansprechende Hotel mit den niedlichen kleinen Hasen werden uns stets
in wacher Erinnerung bleiben. Im übrigen waren wir auf unseren
Fahrrädern 316 Kilometer unterwegs. |