Provence
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 Provence-Reise
 29. April bis 6. Mai 2000

  

Elke und Peter, Hermann und Lisa, Rita und Erich, Erika und Toni

Der Gedanke an strahlend blauen Himmel, duftende Lavendelfelder, grüne Olivenhaine, rote Felsen, azurblaues Meer, weisse Pferde sowie an die Entdeckung jahrhundertealter Kulturen und die provenzalischen Gaumengenüsse prägt unsere Vorfreude auf unsere zur Tradition gewordenen Fahrradferien. In der Provence haben Peter und Elke wiederholt ihre Ferien verbracht. Angetan von der Poesie der Landschaft und vom südlichen Lebensgefühl haben sie für uns mitten im Herzen des Rhonedeltas ein Hotel gesucht und mit minutiöser Genauigkeit Vorschläge für unsere Radtouren vorbereitet.

Zur gemeinsamen Abfahrt treffen wir uns um neun Uhr bei Peter und Elke. Erich und Toni haben ihre Autos als Reisefahrzeuge zur Verfügung gestellt, denn sie haben den grössten Kofferraum. Über Müllheim, Belfort, Dijon und Lyon fahren wir rund 700 Kilometer in den Süden. Auf der neuen Autobahn hat es wenig Verkehr. Trübes Wetter und einige Regentropfen begleiten uns bis zum Mittagshalt bei den „Bresshühnern“ in Bourg-en-Bresse. Langsam drückt die Sonne durch die Wolkendecke. Die gelb leuchtenden Rapsfelder des Nordens werden im Rhonetal von Obstanlagen und Weinbergen abgelöst. Am Horizont begleiten uns massive Bergketten. Während sich das Quecksilber in Basel um 12 Grad bewegte, klettert es bei Valence schon auf 22 Grad. In Montélimar gibt es eine Kaffeepause. Die Rhone wird breiter. Die flache Landschaft wird von Sümpfen, Weihern und Flussarmen durchzogen. Schilf und Weiden säumen ihre Ufer. Um 16 Uhr sind wir in Orange und unserem Reiseziel schon ganz nahe. Die Rebstöcke am Wegrand sind niedrig, knorrig und nur etwa 50 Zentimeter hoch. Sie stehen alleine, ohne Draht. Auffallend ist ihr Zapfenschnitt.

Mitten in einer grünen Landschaft mit Olivengärten treffen wir in Graveson auf unser „Hôtel du Moulin d’Aure“ (**). Das Wasser im Schwimmbad ist warm und lädt zum Bade. Wir sind alle überrascht von diesem schönen Ort. Im Restaurant des Hauses lassen wir uns vom angebotenen Menü überraschen: Zur Vorspeise gibt’s eine Terrine mit süssen Zwiebeln. Als Nächstes werden Makkaroni und Kartoffeln an einer Pestosauce serviert. Ein Suppenlöffel erhöht die Spannung auf den folgenden Gang: Suppe oder Dessert? Mit einem Stückchen Rhabarberkuchen wird unsere Mahlzeit abgeschlossen. Die Männer haben noch Hunger und bestellen italienischen Aufschnitt. Der Wirt hat Erbarmen und tischt für die knurrenden Mägen noch Risotto auf.

Sinnes-Lust    (64 km)

Unsere Zimmer sind klein, aber ganz reizend im provenzalischen Stil eingerichtet. Ein bisschen wenig Platz haben wir in den kleinen Kästen, ebenso im „Grandlit“, das uns beim Schlafen enger zusammenrücken lässt. Am Morgen begrüssen uns die Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Fensterläden. Vorbildlich „behelmt“ starten wir um halb zehn zu unserer ersten Ausfahrt. Der Routenplan von Peter wird ein wenig abgeändert. Wir sind ja alle flexibel! Unsere Tour führt uns heute über Tarascon nach Arles, vorbei am Kloster Montmajour und der Kappelle St. Gabriel und zurück über Maillane nach Graveson. Es ist ein sonniger Morgen. Am Strassenrand blüht roter Mohn. Der Raps auf den Feldern ist schon verblüht. Die Landschaft und die Häuser erinnern an die Toskana. Genau wie diese ist auch die Provence vom Mittelmeerklima geprägt. Und das fruchtbare Rhonedelta, umrahmt von einer niedrigen Gebirgskette, ist ein geeigneter Nährboden für üppigen Pflanzenwuchs, im Speziellen für Obst- und Gemüseplantagen sowie den Weinbau. Die Olivenhaine sind vermehrt an den Abhängen der Bergketten zu finden. Überall begleitet uns das Wasser: in Kanälen, in Sümpfen, in ausgebauten Bewässerungsanlagen auf den Feldern, mit Auffang- und Ableitsystemen für den Reisanbau. Von der Schönheit der Landschaft überzeugt sind wohl auch die zahlreichen Weekend- und Ferienhausbesitzer.

Zwischen den alten Stadtmauern von Arles haben wir schon zum ersten Mal Durst. Nach einer Fahrt rund um die Arena verlassen wir die Stadt. Wir entdecken die Landschaft mit allen Sinnen: Wir sehen die Farben der Blumen, riechen den Duft der Natur, spüren das Stechen der Mücken, lauschen dem Zirpen der Grillen und dem Quaken der Frösche. Während der Fahrt vorbei an Weiden mit vielen Pferden fragt Rita nach dem Unterschied zwischen Reiter und Radfahrer und kommt zum Schluss: „Beim Reiten ist das Vieh unten und beim Radfahren oben!“ Im Schatten der Klosterruine Montmajour machen wir Mittagsrast. Das Kloster, auf einer felsigen Anhöhe, war ursprünglich von Sümpfen umgeben. Deshalb erstaunt es uns nicht, dass sich die Stechmücken in Schwärmen auf uns stürzen, um unser Blut zu saugen. So lange müssen wir auf unseren Salat und die Teigwaren warten, dass uns später die Zeit fehlt, das Kloster, die Höhlen, die beiden Kapellen und die Krypta zu besuchen. Zudem bezweifelt Peter, dass wir in unserer Velobekleidung überhaupt hineingelassen werden. Wir versuchen es nicht! So bleibt uns nichts anderes übrig, als alles im Touristenführer nachzulesen. Unter den Platanen auf dem Dorfplatz in Graveson schliessen wir bei einem Apéro unsere erste Ausfahrt durch die herrliche Landschaft.

Nach einer kurzen Pause im Hotel fahren wir mit den Autos zum Nachtessen nach Arles. Wir haben noch etwas Zeit, um die Stimmung der antiken Kunstwerke zu erspüren. Wir schlendern durch die engen Gassen über die Place de la République zum Kirchenportal von St. Trophime. Auch die Arena betrachten wir nur von aussen, denn die Öffnungszeiten sind längst vorbei. Im „Le Criquet“ hinter der Arena werden wir für das Verpasste voll entschädigt. In der gemütlichen Atmosphäre geniessen wir Spezialitäten aus der Provence. Tonis Magen knurrt diesen Abend nicht mehr.

Tret-Mühle     (76 km)

Heute wollen wir die Sehenswürdigkeiten, an denen wir am Vortag vorbeigefahren sind, auch anschauen: Daudets Windmühle in Fontvieille, das Aquädukt von Barbegal, Maussane, Eygalières und Saint-Rémy. Um 10 Uhr fahren wir los in Richtung des hügeligen Berglandes Alpilles. Die Kalksteinkette liegt zwischen Arles und Avignon und erreicht eine Höhe von 386 Metern. Auf einem kahlen Hügel erblicken wir von weitem schon die Windmühle, die der Schriftsteller Alphonse Daudet in seinen berühmten Briefen beschrieb. Wir steigen hinauf und lassen uns von Daudets Esprit umarmen. Das Aquädukt, das ein Stück weiter unseren Weg säumt, verpassen wir. Eine Mauer versperrt uns die Sicht. Nur Toni erblickt ein paar von den Mauerresten. Im malerischen Dorf Maussane sitzt eine Gruppe von Leuten. Sie halten mit Farbe ihre Eindrücke auf dem Papier fest. Unter den Platanen auf dem Dorfplatz geniessen wir kühle Getränke und Sandwiches. Maussane liegt mitten im Anbaugebiet der Oliven. Hier kennt man rund 32 verschiedene Olivensorten. Für ein schmackhaftes Öl werden ausgewählte Sorten miteinander vermischt. Hier decken wir uns später mit dem feinsten Olivenöl ein. Der lichte Ölbaum mit seinen silbrig schimmernden Blättern ist das Symbol des Friedens und der Fruchtbarkeit.

Nun heisst es kräftig in die Pedale treten. Unser Weg führt uns einige Kilometer hinauf über die Alpilles. Beim Aufstieg kommen wir ins Schwitzen und ins Schnaufen. Es geht auch nicht ganz ohne „Rückenwind“! Die kurze Anstrengung lohnt sich. Wir tauchen ein in eine wunderschöne Berglandschaft mit Pinienwäldern, Olivenhainen und verbrannter Erde. Eygalières liegt terrassenförmig an einem Hügel. Schmucke Häuser säumen den Weg zum Schloss. Über die Via Aurelia erreichen wir Saint-Rémy. Diese historische Strasse wurde von den Römern als Verbindungsweg zwischen Italien und Spanien gebaut. Im übrigen wurde hier der Arzt und Astrologe Nostradamus geboren, der mit seinen rätselhaften Zeitdeutungen immer wieder für Diskussionsstoff sorgt. Zum Abschluss des sonnigen Tages genehmigen wir uns im Schwimmbad des Hotels ein erfrischendes Bad. Für das Nachtessen haben Rita und Hermann in Saint-Rémy im Restaurant „Source“ einen Tisch reserviert.

Burg-Geschichte    (36 km)

Heute planen wir mit dem Auto den Besuch von Les Baux. Um unsere sportlichen Ambitionen nicht zu vernachlässigen, fahren wir am Vormittag mit den Velos zur Abtei St. Michel de Frigolet. Sie liegt etwas ausserhalb von Barbentane, eingebettet in der hügeligen Landschaft der Montagnette. Die Abfahrt verzögert sich. Toni muss sich zuerst ein Fahrrad ausleihen. Bereits am Vorabend hat er entdeckt, dass am Hinterrad drei Speichen gebrochen sind. Das kommt davon, wenn man in Arles die Treppen hinunterfährt. Erich hat es auch getan, aber er wiegt keine hundert Kilo. Das Leihrad ist für Toni viel zu klein und lässt sein Knie aufschwellen. Er muss sich Mühe geben, dass er, wenn’s aufwärts geht, den Anschluss an die Gipfelstürmer nicht verpasst. Aber mit Elke und Rita strampelt er in guter Gesellschaft. Der Weg führt uns durch Eichen- und Kiefernwälder. Barbentane ist ein interessantes Dorf.

Zeugen der Vergangenheit sind ein Schloss, zwei Stadttore, der Arkadenbau des ehemaligen Rathauses mit Renaissance-Eckturm und der Wehrturm. Die Häuser sind in, auf und zwischen den wuchtigen Felsen gebaut. Der „Nachtwächter“ (abgestandenes Bier) in einer Bar am Strassenrand motiviert nicht gerade zur Weiterfahrt. Doch bis zum Kloster und Wallfahrtsort St. Michel de Frigolet ist es nicht mehr weit. Wir lassen die Velos auf dem Parkplatz und spazieren durch die gepflegte Klosteranlage aus dem 11. Jahrhundert mit zwei Kirchen, einem Kreuzgang, einer Kapelle und einem Museum. Auf der Heimfahrt stärken wir uns wieder mit einem Sandwich. Unterwegs lassen wir noch das Mysterium eines provenzalischen Friedhofes auf uns einwirken.

Während der Siesta räkeln wir uns in der Sonne beim Hotel in Graveson und kühlen uns ab bei einem Bad im Pool. Gegen Abend fahren wir dann mit den Autos nach Les Baux. Das befestigte Bergdorf liegt auf einer malerischen Felslandschaft. Der weisse Kalkstein wurde berühmt durch das Bauxit, das bis vor kurzem zur Herstellung von Aluminium verwendet wurde. Eine Reise durch die jahrhundertealte Geschichte der Ritter und Troubadours erleben wir auf dem Rundgang durch die Burganlage. Vom Felsvorsprung, der von Steilhängen und Schluchten umgeben ist, geniessen wir einen imposanten Rundblick. Die Ruinen des Schlosses und der Stadtmauern sowie die wieder aufgebauten Häuser des Mittelalters und der Renaissance machen Les Baux zu einem der meistbesuchten Orte der Provence. Die Burg ist heute im Besitze der Grimaldi von Monaco. Wir geben unserem Gastgeber eine zweite Chance und essen im Restaurant unseres Hotels. Hier gibt es keine Speisekarte. Man isst, was gekocht wird. In den nächsten Tagen versuchen wir es nicht mehr.

Natur-Vergnügen    (Autotag)

Und wieder lacht uns beim Erwachen die Sonne ins Bett. Nach dem gemütlichen Frühstück holt Toni sein Velo in der Werkstatt ab. Er hat Glück! Ein passender Zahnkranzschlüssel wurde gefunden und so konnte auch ein neues Hinterrad montiert werden. Er ist froh, den Rest der Radtouren wieder auf seinem eigenen Velo fahren zu können. Doch heute lassen wir unsere Fahrräder im Schuppen stehen und geniessen die Fahrt durch die Landschaft im weichen Autositz. Wir haben drei Etappenziele: den Markt in Gordes, die Isle-sur-la-Sorgue und die Fontaine de Vaucluse. Diese Orte liegen viel zu weit auseinander, als dass wir sie auf unseren Trampeseln alle erreicht hätten. Gordes wurde als eines der schönsten Dörfer Frankreichs ausgezeichnet. Die schmalen hohen Häuser aus Trockensteinen stehen auf einem Felsvorsprung. Nicht nur die Maler lassen sich von der Schönheit des Dorfes inspirieren, auch wir sind begeistert von seinem Anblick und geniessen den Spaziergang durch die engen Gassen. Der Markt, von dem uns Elke im voraus geschwärmt hatte, wurde zu unserem Bedauern bereits am Vortag abgehalten. Doch beim Anblick der farbenprächtigen Provencestoffe vergessen wir Frauen das Verpasste und bewundern, während die Männer beim kühlen Bier sitzen, die Angebote in den kleinen Souvenirläden.

Gegen Mittag fahren wir weiter nach L’Isle-sur-la-Sorgue. Der Kern des malerischen Städtchens ist von den geteilten Flussarmen der Sorgue umschlungen. Das Wasser hat eine auffallend starke Strömung. Im Flechtwerk der Kanäle drehen sich noch die Schaufelräder. Das Angebot von Antiquitäten ist nicht überblickbar. Im Schatten von Platanen geniessen wir diverse Salate: Niçoise, Bergère, .... . Zur Fontaine de Vaucluse ist es nicht mehr weit. In einem geschlossenen Tal entspringt die Sorgue. Im Städtchen haben sich einst die Bischöfe von Cavaillon ein Schloss eingerichtet und die Päpste haben sich das Wasser zunutze gemacht und eine Kristallfabrik und eine Papiermühle betrieben. Es hat unheimlich viele Leute. Auf beiden Seiten der Strasse bieten Händler Handwerk und Stoffe aus der Provence an. Der Weg, am Rande des reissenden Flusses, wird immer enger. Auffallend ist die üppige, sattgrüne Vegetation. Ganz hinten im Tal erleben wir ein Schauspiel, das alle unsere Erwartungen übertrifft. Unter einem mächtigen, kahlen Felsen liegt ein stiller, zirka dreissig Meter breiter Tümpel. Nichts weist auf die riesige Wassermenge hin, die hier aus einem unterirdischen Tal an die Erdoberfläche tritt. Doch beim Auslauf des Beckens, da sprudelt und schäumt das ablaufende Wasser über die Felsbrocken. Es werden bis zu 150 Kubikmeter in der Sekunde gemessen. Nachdem wir das imposante Naturereignis genügend ausgekostet haben, fahren wir zur Siesta zurück ins Hotel. Es ist 27 Grad warm.

Den Abend haben wir uns für den Besuch von Avignon reserviert. Aber wie es halt so ist, bleibt uns nach der ausgedehnten Siesta wieder einmal nicht mehr viel Zeit dafür übrig. Wir stellen unsere Autos ausserhalb der Stadt ab. Der Papstpalast und die schönen Gärten sind schon geschlossen. Wir schlendern durch die Innenstadt und suchen uns ein Restaurant. Zum Glück steht die berühmt und viel besungene Brücke, die Saint-Bénezet-Brücke, noch. Wir fotografieren sie und lassen uns anschliessend im Restaurant „La Fourchette“ verwöhnen.

Rad-Schläge   (70 km)

Schon um 8.30 Uhr treffen wir uns heute zum Frühstück. Wir fahren mit den Autos in die Camargue. Riesige Rebberge, Kornfelder, Treibhäuser mit Tomaten und Blumen säumen die Strasse. Hermann erklärt uns, dass die Syrah-Traube als „Mutter“ aller Trauben bezeichnet wird. Im Speziellen jedoch wird hier die Cabernet-Sauvignon-Traube angebaut. Nach Arles verändert sich das Landschaftsbild. Hier auf der breiten Ebene des Rhonedeltas prägt bereits das charakteristische Bild der Camargue die Gegend. Insgesamt umfasst sie 140 000 Hektaren Sumpf, Weideland, Dünen und Salzseen. Leider sind die Felder oft ungepflegt und viele Häuser sind am Verfallen. Hermann führt dies auf den Überfluss zurück, den die fruchtbaren Felder den Menschen hier bescheren.

Anstatt der Pferde, wie vielfach üblich, besteigen wir in Les Saintes-Maries-de-la-Mer die Sättel unserer Drahtesel und machen uns auf die abenteuerliche Tour rund um das Herz der einzigartigen Sumpflandschaft. Das Land – halb Wasser und halb Sand – ist hier ständig in Bewegung: im Winter überfluten die Wellen des Meeres die Wege und die Sanddünen. Dahinter liegt das überschwemmte Land mit seinen unendlich vielen Teichen. Direkt neben dem Dorf beginnt „La Grandeur Nature“.

Die einzigartige Landschaft ist geprägt von einer intensiven Farbenvielfalt. Am Rande der Salzteiche posieren die rosaroten Flamingos. Auf den grünen Sumpfweiden grasen schwarze Stierherden und weisse Camarguepferde. Klar hebt sich das blaue Meer von den bernsteinfarbigen Sanddünen ab. Am Strassenrand blühen violette Disteln, gelbe Lilien und Ginster. Kleine Schiffe schaukeln auf dem Meer. Schade, dass so viel weggeworfener Unrat umherliegt. Etwas anstrengender als auf dem Pferdesattel erweist sich unsere Fahrt über die Sanddünen. Auf dem Weg über den Sandstrand schwanken unsere Fahrräder, sodass wir absteigen müssen. Unsere Schuhe füllen sich mit Sand. Auch die Mücken sind uns nicht gut gesinnt. Sie stechen uns in die Beine und in den Po. Hinter dem Leuchtturm wird der Weg immer schlechter. Schwere Fahrzeuge haben tiefe Spuren hinterlassen. Wenn wir ein Schlagloch oder eine Mulde umfahren, so liegt bestimmt ein grosser Stein vor unserem Rad. Wir müssen uns so konzentrieren und unsere Lenkstange so fest halten, dass wir keine Zeit mehr haben, um die Landschaft anzuschauen. Es schmerzen uns die Handgelenke, der Po und die Knie.

Endlich entdecken wir ein kleines Wirtschaftsschild. Wir folgen diesem und finden einen idyllischen, typisch provenzalischen kleinen Bauernhof, das „Mas du Berthold“. Im Schatten der Bäume geniessen wir Käse und geräuchertes Fleisch. Der Rosé de Provence schmeckt köstlich. Wir bleiben etwas zu lange sitzen. Im Hinterland treffen wir noch auf eine Stierkampfarena. Um unsere malträtierten Körper zu schonen, fahren wir auf einer geteerten Strasse nach Les Saintes-Maries-de-la-Mer zurück. Gerne hätte ich mir dort die sagenumwobene Zigeunerkirche angeschaut. Aber die Zeit drängt, denn wir müssen mit unseren Autos nach Graveson zurück. Im „Le Criquet“ in Arles treffen wir uns zum Nachtessen. Die köstlich zubereiteten Speisen lassen uns die Strapazen des Tages vergessen. In der Nähe des Hotels erwartet uns noch ein herrliches Schauspiel. Wir entdecken unzählig viele Feldhasen, die unter den Olivenbäumen Gras knabbern. Ihre Augen leuchten im Scheinwerferlicht.

Augen-Schmaus   (70 km)

Den Pont du Gard wollen wir heute besuchen. Es ist der bedeutendste römische Aquädukt. Er liegt westlich von Avignon und wurde 19 v. Chr. gebaut. Das Meisterwerk ist 275 Meter lang und 49 Meter hoch. Zwei imposante Jochreihen überspannen den Gardon. Sie sind Teil des 50 km langen römischen Aquädukts, der das Wasser der Eure-Quelle von Uzès bis Nîmes führte. Die bis zu 6 Tonnen schweren Steine sind ohne Mörtel aufeinander geschichtet. Die Blöcke wurden mit hohlen Holztrommeln, welche von laufenden Sklaven gedreht wurden, bewegt.

Heute ist der Himmel zum ersten Mal mit schweren Wolken behangen. Ein paar Regentropfen wollen uns beim Start einschüchtern. Dennoch schwingen wir uns auf unsere Räder. Der Weg führt uns über einen kleinen Hügel. Dieser „hängt etwas an“ und erfordert bei Rita und Elke etwas Rückenwind. Unsere Handgelenke sind noch empfindlich und Hermann schmerzt das Steissbein von der Sattelmassage vom Vortag. Wir überqueren zum ersten Mal die Rhone und fahren durch Aramon.

Dies ist ein kleiner netter Ort mit Stadtmauern und einer Festung auf einem hohen Felsen, gleich einer Klus. Nach Remoulins stellen wir unsere Fahrräder auf einem Parkplatz ab und gehen zu Fuss weiter zum Pont du Gard. Wir steigen zum eindrucksvollen Bauwerk hinauf. Leider ist der Zugang wegen Bauarbeiten gesperrt. So nehmen wir uns noch die Zeit, um zum Fluss hinabzusteigen. Zur Mittagsrast kehren wir nach Remoulins zurück. Der wohlklingende Name des Ortes erinnert uns an gutes Essen. Doch die Brasserie, die wir uns ausgesucht haben, wird dem Ortsnamen nicht gerecht. Das Bier ist zu dick und der Salat auch nicht gut. Zudem donnern vor unseren Tischen schwere Lastwagen und Autos vorbei und verpesten die Luft mit Abgasen. Ein kühler Wind und Gewitterwolken lassen uns auf der Heimfahrt rassig in die Pedale treten. Zu unserem letzten Apéro wählen wir den Dorfplatz in Graveson. Hier werden gerade Stände für den Wochenmarkt aufgebaut. Der Anblick von wunderschönem Gemüse, von Fischen, Käse, Olivenöl und Broten weckt in uns bereits wieder den Appetit auf das Nachtessen. Nach einer ausgedehnten Ruhepause fahren wir zum Abschluss unserer Provencetour noch einmal nach Saint-Rémy in das Restaurant „La Source“. Es wird vorzüglich gekocht und sehr attraktiv serviert.

Sonnen-Glück    (Heimfahrt)

Unsere Fahrradferien sind zu Ende. Die Koffer sind gepackt und in die Autos verfrachtet. Die Fahrräder auf den Dachträgern werden noch einmal kontrolliert. Für meinen Reisebericht schleppe ich alle Prospekte mit nach Hause, die ich erhaschen konnte. Auf der Heimfahrt durchs Rhonetal schweifen unsere Gedanken noch einmal zurück in die vergangene Woche. Es waren schöne und vielseitige Tage, die wir zusammen erleben durften. Glück hatten wir auch mit dem Wetter. Die Sonne lachte bis zum letzten Tag am blauen Provence-Himmel. Die Streifzüge durch die Zeit der Römer, Ritter und Päpste mit ihren imposanten Baudenkmälern, die Gaumenfreuden, die unbeschreiblich eindrucksvolle und abwechslungsreiche Landschaft der Provence mit ihren Olivenhainen, Weinbergen, Eichenwäldern, Obst- und Gemüseplantagen, den Farben und den Düften, die „Qualen“ auf dem Fahrradsattel und auch das sehr ansprechende Hotel mit den niedlichen kleinen Hasen werden uns stets in wacher Erinnerung bleiben. Im übrigen waren wir auf unseren Fahrrädern 316 Kilometer unterwegs.

Erika Thüring