von der Ost- an die Nordsee
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 Mit vier Männern unterwegs

  

Es war im Mai 1991

Spontan sagte ich zu – zur gemeinsamen Radtour mit vier Vertretern des starken Geschlechts. Die Anfrage erhielt ich von Toni, meinem Mann, mit dem ich schon viele 1000 Kilometer durch das benachbarte Elsass, Deutschland,  aber auch über diverse Schweizerpässe pedalte. Weniger spontan war da die erste Reaktion meiner neuen Radfahrerkollegen: «Was eine Frau? – Mag diese überhaupt mithalten? Ist sie uns nicht ein Klotz am Bein? – Wie ist es bei der abendlichen Skatrunde? – und mit der soviel besungenen männlichen Freiheit, wenn eine Frau uns begleitet?»

 

Die Männer schickten sich in ihr «Schicksal». Freundlich und kameradschaftlich war die Begrüssung zur fünftägigen Fahrt von der Ostsee an die Nordsee. Vielverspre­chend war auch der bis auf das kleinste Detail ausgearbeitete Routenplan. 

Mit der Entscheidung, dem «Renner», anstelle des damaligen alten «Einkaufs­rads», den Vorzug zu geben, war ich auf die Bereitwilligkeit von Toni angewiesen. Der Platz im Rucksack reichte nur aus für Ersatzwäsche, Schuhe, Schminksachen, Ersatzreifen. Toni übernahm den Rest.

Nass war der Start. Das liess uns jedoch nicht von einer zügigen Fahrt abhalten. Rücksichtsvoll erkundigte sich hin und wieder einer meiner Begleiter, ob das Tempo auch nicht zu schnell für mich wäre. Da dies mein Kopf nie im Leben zugegeben hätte, sorgte ich vor. Ich deckte mich ein mit Kraftriegeln und abends rieb ich meine Beine mit einer Massagesalbe gegen Muskelkater ein.

Bald merkte ich auch, dass es der männliche Stolz meiner Radfahrerkollegen - Toni war davon ausgeschlossen - nicht zuliess, hinter einer Frau her zu fahren. Kaum hatte ich einmal die Spitze oder eine vordere Position der Kolonne übernommen, wurde ich auch gleich wieder überholt. 

 
 


 
 

Das ist auch einer Spaziergängerin an der Küste von Travemünde aufgefallen: «Gehört diese Frau dort hinten auch zu Euch?», rief sie meinen Vorreitern zu. «Das ist wohl die einfachste Möglichkeit sie abzuhängen?» Von diesem Moment an war ich nicht mehr immer zu hinderst.

Wettfahrten und Spurts bergauf gehörten denn auch zu den täglichen kleinen Spiel­chen, in welchen ich meine Kondition unter Beweis stellte und meine Position als Frau unter den Männern sichern konnte. Nur einmal musste ich zwei Kilometer zu­rückfahren, weil ich im Wettkampf mit Mario eine Abzweigung verpasste.

Eigentlich war es mir aber egal, zuhinterst zu fahren, denn mit ein wenig Abstand zu meinem «Vordermann» konnte ich es mir leisten, die Augen umherschweifen zu lassen, die Düfte, die mir der Wind entgegen trug, zu riechen und den Melodien der Natur zu zuhören.

Im übrigen gab es keine Probleme mit der «männlichen» Freiheit. Nach einem gan­zen Tag an der frischen Luft und mit rund 100 Kilometern in den Beinen, genossen alle gerne ein gemütliches Nachtessen und den erholsamen Schlaf. Zum «Skaten» fehlte auch ein Partner.

Hervorheben muss ich aber zum Schluss doch noch die männliche Hilfsbereitschaft beim Reifenwechsel. Sie haben mich auch verpflastert, als ich mir bei einem Sturz den Ellbogen blutig schlug.

Seit dieser Radtour durfte ich meine neuen Radfahrerkollegen noch oft auf Ausfahrten begleiten. In der Zwischenzeit, wird immer besser akzeptiert, dass auch eine Frau sportlich auf einem Rennrad fahren kann.

Erika Thüring

 

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